Nordic Notes

Svjata Vatra

© Jelena Rudi

Hoch lebe die estnisch-ukrainische Freundschaft! 2020 markiert ein ganz besonderes Jahr für Svjata Vatra: Mit dem neuen Album „World, You Are Changing“ feiert das Ensemble mittlerweile 15 Jahre Freundschaft zwischen estnischen und ukrainischen Musikern. In diesen intensiven und aufregenden Jahren sind sieben CD-Einspielungen und eine DVD entstanden. Den Musik-Dokumentarfilm „Püha Tuli“ kann man übrigens jedem Folkmusik-Fan nur wärmsten ans Herz legen. „Das Album ist auch ein großes Dankeschön an all die brillanten Musiker, die in dieser Zeit mit uns in mehr als 20 Ländern auf der ganzen Welt aufgetreten sind“, betonen Svjata Vatra.
Die Musiker haben sehr großen Wert darauf gelegt, dass beim Jubiläumsalbum drei Generationen von Musikern aus drei Ländern vertreten sind: Denn sie wünschen sich, dass das Wissen der älteren Generationen an die Nachwuchskünstler weitergegeben wird, damit die Traditionen in unserer schnelllebigen Zeit erhalten bleiben. Gleichzeitig rücken sie eine weitere Botschaft in den Mittelpunkt: Musiker weltweit haben schon immer über alle kulturellen Grenzen hinweg zusammengearbeitet. Über alle Grenzen hinweg!
Der Nachwuchs tritt auf „World, You Are Changing“ in die Fußstapfen der Eltern, aber auch die ältere Generation mischt tatkräftig mit: So hat sich Rute Trochynskyi, die Tochter des Leadsängers Ruslan Trochynskyi, der Band angeschlossen. Neu mit dabei ist auch der renommierte Žurba-Chor. Dabei handelt es sich um ein Ensemble, das von estnisch-ukrainischen Großmüttern gegründet wurde!
Rute ist gemeinsam mit der Band aufgewachsen und hat von frühester Kindheit an mit ihrem Vater gesungen. Bereits im Alter von fünf Jahren stand sie mit Svjata Vatra auf der Bühne und war seitdem häufiger Gast bei den Auftritten der Band. Das Ensemble Žurba kann in der estnischen Hauptstadt Tallinn auf eine fast dreißigjährige Geschichte zurückblicken und ist in der Vergangenheit häufig bei Festivals in Estland und im Ausland aufgetreten.
Kleiner Fanfarenklang: Svjata Vatra freuen sich auf „World, You Are Changing“ besonders darüber, dass sie hier erstmals ihren Freund Radik Tjuljusch aus der autonomen russischen Republik Tuwa als prominenten Gastmusiker präsentieren können. Tjuljusch gilt als Meister des mächtigen tuwinischen Kehlkopfgesangs. Er ist bei der auch im Ausland bekannten Gruppe Huun Huur Tu und dem Chalama Project aktiv. „Wir sind allesamt gute Freunde. Uns eint die Hingabe für die Aufgabe, unsere Traditionen zu bewahren und sie mit allen zu teilen, die zur richtigen Zeit am richtigen Ort sind“, sagt Ruslan Trochynskyi.
Zu dem Zeitpunkt, als das „World, You Are Changing” geschrieben wurde, konnte niemand ahnen, als wie prophetisch sich dieser Titel erweisen würde, blicken Svjata Vatra zurück. Im Sommer 2019, als die Pläne für die Aufnahme erstmals Gestalt annahmen, hat sich die Welt in großem Maße verändert. Die Coronavirus-Pandemie hat die Musikwelt in ihren Grundfesten erschüttert. „Wir haben vielleicht für eine Weile Hausarrest. Wir rühren uns im Moment nicht vom Fleck, aber freuen uns auf die erste Gelegenheit, Live-Konzerte sowohl zu Hause als auch in der ganzen Welt zu spielen“, schreiben Svjata Vatra.

Zu den einzelnen Albumsongs haben die Musiker natürlich eine Menge zu sagen:
„Ty Zh Mene Zidmanula“ (Du hast mich ausgetrickst und im Stich gelassen) ist ein sehr bekanntes, humorvolles und verspieltes ukrainisches Volkslied, das auf keiner Party fehlen darf. Die Verse können je nach Anlass variieren. Ein junger Mann beklagt sich darüber, dass ein Mädchen versprochen hat, jeden Tag der Woche etwas mit ihm gemeinsam zu unternehmen, ihn aber jedes Mal betrogen hat. „Dies ist ein Lied, das wirklich verschiedene Generationen miteinander verbindet“, erläutert die Band.
Das Titelstück „Svit, Ty Minjaeschsja“ (Welt, du veränderst dich) erinnert uns an das Faktum, dass eine Zeit großer Veränderungen unsere Aufmerksamkeit auf die wahren Werte lenkt: die Liebe zu sich selbst, zu anderen, zur Welt und zum Leben selbst. „Es ist wichtig, auf sein Herz zu hören“, merkt die Band dazu an. Ruslan Trochynskyi saß vergangenen Sommer am Strand der winzigen estnischen Insel Naissaar und beobachtete das Meer, Welle um Welle. Die Musik kam im Einklang mit den Worten einfach zu ihm. Er wusste noch kaum, dass das Album im kommenden Jahr erscheinen würde. Im Jahr 2020 würde die ganze Welt in der Tat mitten in massiven globalen Veränderungen stecken. In der gegenwärtigen Situation scheint die Botschaft dieses Liedes und des ganzen Albums noch wichtiger und bedeutungsvoller zu sein, sind Svjata Vatra überzeugt.
„Gorila Sosna“ (Eine brennende Kiefer). Es handelt sich um ein warmherziges ukrainisches Volkslied vom Tag vor der Hochzeit. Eine junge Braut nimmt von ihrem früheren Leben Abschied. Sie muss ihre schönen langen Haare künftig unter einem Schal verbergen. Nur ihr Mann darf ihre Haare fortan noch sehen. Und sie hat nach der Heirat keine Zeit mehr für ihre Freunde. Von Liebe wird nicht gesprochen, Liebe wird gefühlt, sagt die Band. Wir fühlen die Liebe und setzen sie in unsere Musik. Hier musizieren drei Generationen: Das Folkensemble Žurba, die Folkrock-Band Svjata Vatra und die Alternative-Folk-Sängerin Rute Trochynskyi.
Bei „Tulesõnad“ (Feuerzauber) handelt es sich um einen traditionellen estnischen Zauberspruch. Hier wird mit den mystischen Hütern des Feuers kommuniziert, um das Feuer dazu zu bringen, das zu tun, was nötig ist. Alles kommt aus dem Feuer, und es ist von entscheidender Bedeutung, es zu respektieren, sonst könnte es seine Kräfte gegen andere richten!
„Shchedryk“ ist das bekannteste ukrainische Weihnachtslied, das in hunderten verschiedenen Arrangements existiert. Der ukrainische Komponist Mykola Leontovych verwendete im Jahr 1916 für seine Komposition traditionelle Volksweisen. In dem Lied fliegt eine Schwalbe über den Himmel und wünscht uns all das Gute, das der Frühling bringt. Lange wurde in der Ukraine das neue Jahr im April gefeiert, wenn der Frühling kam. Erst später, mit der Einführung des Christentums, wurde der Silvesterabend auf den Tag verlegt, den wir heute alle kennen. Nun: Fast überall. Denn der ukrainische Silvesterabend wird immer noch nach dem alten Kalender gefeiert, am 13. Januar im Julianischen Kalender. Diese Nacht heißt „Shchedryi Vechyr“ (Großzügiger Abend oder Dreikönigsfest). Das Lied wurde im Englischen als „Carol Of The Bells“ (Lied der Glocken) bekannt, arrangiert von Peter J. Wilhovsky, nachdem das Lied 1921 vom ukrainischen Nationalchor in der Carnegie Hall aufgeführt wurde. Wilhovsky veröffentlichte das Lied 1936 mit einem neuen englischen Text, der nicht dem Original folgte, aber in den USA und Kanada anerkannt wurde.
„Kalyna Malyna“ ist ein ganz besonderes Lied für Svjata Vatra, das in verschiedenen Arrangements auf fast allen von der Band produzierten Alben enthalten ist. Kalyna ist eine schöne, aber bittere, leuchtend rote Beere, die traditionell eine Frau symbolisiert. Die Mädchen ernten die Beeren, um sie für den Winter zu trocknen, und achten gleichzeitig darauf, dass sie für die jungen Männer, die sie ausprobieren, hübsch aussehen. Ruslan hat seinen eigenen Teil über einen jungen Mann hinzugefügt, der seine Liebe verloren hat und in seinem Herzen Kälte spürt und dem Leben gegenüber abweisend ist. Aber das sollte er nicht, denn es wird eine Zeit kommen, in der es eine neue Liebe in seinem Leben geben wird. Man sollte sein Herz nicht erkalten lassen, denn die Liebe ist im Inneren immer gegenwärtig, so lautet die tiefere Botschaft des Liedes.
Kolyskowa / Unelaul (Wiegenlied) Die allerersten Lieder, die wir hören, sind Schlaflieder, die Eltern einem neugeborenen Kind mit unendlicher Liebe vorsingen. In diesen Liedern liegt eine magische Kraft, die das Kind mit den Eltern und den verschiedenen Generationen verbindet. Ruslans Trochynskyis Großmutter sang dieses Lied seiner Mutter vor, die es Ruslan vorsang, und nun singt Ruslan es seinen eigenen Kindern vor. Das Lied ist in der Familie seit mindestens fünf Generationen bekannt. Svatja Vatra glauben, dass es sehr wichtig ist, das Schlaflied in der eigenen Muttersprache zu hören. Dieses spezielle Lied war ursprünglich auf Ukrainisch, aber Ruslans Kinder haben zwei Muttersprachen. Deshalb hat er es auch ins Estnische übersetzt, und die Kinder haben es immer in zwei Sprachen gehört. Auf dieser Aufnahme hören wir Ruslans älteste Tochter Rute. Wiegenlieder verbinden nicht nur die Familien – sie können auch Kindheitserinnerungen wecken und den Erwachsenen das warme Gefühl vermitteln, geliebt und umsorgt zu werden. „Lasst uns alle dieses schöne Gefühl teilen, indem wir uns an unsere eigenen alten Schlaflieder erinnern und sie unseren Kindern und Enkeln vorsingen“, schreibt Ruslan Trochynskyi.
Die Aufnahmen für „World, You Are Changing“ wurden von der Estnischen Integrationsstiftung unterstützt.
Svjata Vatra sind: Ruslan Trochynskyi, Juhan Anzüge, Karl-Heinrich Arro, Robin Mäetalu und Ats Tani.
Als Gäste mit dabei: Rute Trochynskyi, das ukrainisch-estnische Quartett Žurba und der tuwinische Sänger Radik Tjuljusch.
Aufgenommen wurde das Album von Frank Reisner im Studio Studio89. Das Artwork stammt von Asko Künnap.
Svjata Vatra spielen traditionelle Folkmusik und verbinden die überlieferten Weisen mit einer frechen, atemlosen Punk-Attitüde. Das Ensemble besteht seit dem Jahr 2005 und ist auf alten Wikingerschiffen ebenso aufgetreten wie auf Rockfestivals oder dem legendären finnischen Kaustinen Folk Festival. Das Markenzeichen der Band ist die ungewöhnliche Besetzung – ukrainische Posaune trifft estnischen Dudelsack! Im Ergebnis erklingen ungewöhnliche, ungezähmte Klänge und wird eine unbändige Energie entfesselt.

Discografie

  • Muutused Zminy

    Muutused Zminy

    Erscheinungsjahr: 2018

    Katalognummer: NN113

  • Maailm, Sa Muutud / Svit, Ty Minjaeschsja

    Maailm, Sa Muutud / Svit, Ty Minjaeschsja

    Erscheinungsjahr: 2020

    Katalognummer: NN138

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