Nordic Notes

Tuulikki Bartosik

Tuulikki

© Kroot Tarkmeel

“Storied Sounds beweist, dass musikalische Traditionen sinnlos sind, wenn sie nicht weiterentwickelt und einem neuen Publikum zugänglich gemacht werden. Das Album erfasst dieses Konzept mit erstaunlicher Schlichtheit und Leuchtkraft.” —- Folk Radio UK über Tuulikki Bartosiks Album “Storied Sounds” von 2016.
“Die Persönlichkeit und die Emotion, die Tuulikki Bartosik in ihre Kompositionen und Arrangements steckt, lassen einen das Akkordeon als modernes Instrument ganz neu entdecken.” The List aus Schottland über den Auftritt von Tuulikki Bartosik im Rahmen der Tallinn Music Week 2019
“Es geht um Kleinigkeiten, die größere Ausmaße annehmen als nötig, um kleine Dinge und wie sie sich gelegentlich entwickeln,” sagt Tuulikki Bartosik über den Titeltrack ihres neuen Albums Tempest In A Teapot. “In unserer globalisierten Welt gehen Details oft verloren, aber manchmal werden aus kleinen Dingen große, obwohl das gar nicht sein muss.”
Tempest In A Teapot ist das zweite Soloalbum der spannenden und innovativen, estnischen Akkordeonistin und Nachfolger des 2016 erschienenen, international gefeierten Storied Sounds. Wie sie weiter erklärt, ist ihr neues Album eine “Geschichte über mich, meine Wurzeln und wo ich jetzt stehe, über die Sehnsucht nach der Natur und Freunden, wie ich selbst als Individuum mich in die Natur füge, den Wunsch nach einem Platz in der Welt und auch in der Welt der Musik. Ich hoffe, dass es den Leuten dabei hilft, über ihr eigenes Leben nachzudenken und sich selbst darin wiederzufinden.”
Die Reise durch Tempest In A Teapot beginnt mit dem herzzerreißenden “Crying Meadows” (“Nutvad Niidud” auf Estnisch). Es ist ein meditatives Instrumental, das an Rõuge (“roo-ga” ausgesprochen) erinnert, die ländliche Siedlung im Süden Estlands, aus der ihre Familie stammt. Die stimmungsvollen Außenaufnahmen, die sie in den Track einfließen lässt, unterstreichen diese Wurzeln. Es folgt das nachdenkliche “In Luce Amor” (auf Deutsch sowohl “im Licht ist Liebe” als auch “in der Liebe ist Licht”), welches Tuulikki komponierte, als sie einmal an einer Hochzeit nicht teilnehmen konnte.
Als Nächstes kommt die ungewöhnliche Suite “Setting Sail For Freedom”. Sie besteht aus zwei Teilen – “Over The Sea” (“Lähme Üle Mere”) und “Coming Home” (“Kojusaabumine”) – und erzählt die ergreifende Geschichte der Esten, die ihr Heimatland während des Zweiten Weltkriegs verlassen mussten. 1940 wurde Estland von Stalins besetzt. 1941 kam Nazideutschland und verdrängte ihn. 1944 kehrten die Russen zurück. Zehntausende Esten flohen vor den wechselnden Besatzungsmächten. Viele gingen nach Schweden. Im Juli 1945 fand eine kleine Gruppe von ihnen ein elf Meter langes Vergnügungsboot und beschloss, damit nach Amerika zu fahren. Einen Monat später verließen sechzehn Männer, Frauen und Kinder Schweden. Sie passierten Norwegen und durchquerten die Nordsee – sie hatten gehört, dass Stalins Truppen in Frankreich waren, darum mieden sie den Ärmelkanal – und fuhren nach Schottland, wo ihnen mitfühlende Beamte die Durchfahrt des Kaledonische Kanals ermöglichten, sodass sie nach Irland gelangten. Von dort ging es weiter Richtung Süden nach Portugal und dann in westlicher Richtung über den Atlantik. Nach einem Unwetter vor der Küste Nordamerikas wurde das Boot am 14. Dezember von der US-Marine gefunden. 128 Tage nachdem sie Schweden verlassen hatten, waren sie in Amerika angekommen. Am 18. November 1946 erklärte Präsident Truman, dass politische Flüchtlinge aus Estland in den USA willkommen waren.
Tuulikki nahm jeden Ton selbst auf und ließ mit ihrem Akkordeon ein ganzes Orchester entstehen. “Traditionen reisen über das Meer,” sagt sie über “Setting Sail For Freedom”. “Das Wasser bringt uns zusammen, um ein positives Gegengewicht zu der Angst und den vielen Ungerechtigkeiten in der Welt zu erschaffen, und um durch die Musik weibliche Energie zu verströmen. ‘Setting Sail For Freedom’ erzählt die Geschichte einer Suche nach einem neuen Zuhause, aber der Song erklärt auch, dass man seine Traditionen nicht isolieren darf, wenn man sie pflegen möchte. Um Traditionen am Leben zu erhalten, müssen wir reisen und unsererseits andere Menschen willkommen heißen.”
Nach dieser epischen und schicksalhaften Reise wendet sich Tempest In A Teapot wieder Estland zu. Das dynamische “Forgotten Village Polka” (“Mälutaguse Polka”) feiert den großen, estnischen Akkordeonisten Karl Kikas. “Josefin’s Lullaby” (“Josefini Hällilaul”) wurde zum siebten Geburtstag von Tuulikkis Schwägerin geschrieben. Auf den Titeltrack “Tempest In A Teapot” (“Torm Veeklaasis) folgt “Rõuge Waltz” (“Rõuge Valss”), welches der Heimat ihrer Vorfahren gewidmet ist. Das Album endet mit “Dear Friends”/“Orukalda Waltz” (“Oh Sõbra”/“Orukalda Valss”), auf dem Tuulikki die 11-saitige, estnische Kantele spielt, ein Zither-artiges Instrument, das es nur hier gibt. Der Text stammt vom Dichter Artur Adson, der auf der südestnischen Sprache Võru schrieb. Er verließ das von der Sowjetunion besetzte Estland im Jahr 1944 und konnte nie zurückkehren.
Aber auch wenn wir den Worten von Adson lauschen und der Schwede Jonas Knutsson nicht nur für die Produktion des Albums, sondern auch das Arrangement des finalen Tracks und von “Tempest In A Teapot” verantwortlich zeichnet, ist das Album doch unbestreitbar Tuulikkis. Und da alle Kompositionen von der Musikerin selbst stammen, stellt sich die Frage, ob es Folk oder Traditional Music ist. Die Stimmung auf Tempest In A Teapot erinnert an Künstler wie Philip Glass und Terry Riley. Auch der Isländer Ólafur Arnalds und Hauschkas minimalistisches Album Abandoned City sind nie weit weg. Tuulikki hat einen Master in Traditional Music von der renommierten Sibelius Academy in Finnland, aber als Estland sich von Russland unabhängig machte, entdeckte sie auch Heavy Metal und ist außerdem ein großer Fan von Queen.
Auf die Frage, ob sie Folk Music spielt, antwortet Tuulikki: “Ich bevorzuge den Begriff ‘Original Music’. Es ist meine Musik, meine Tradition. Die Wurzeln liegen in Võrumaa, aber ich lebe in unterschiedlichen Kulturen und ich reise – das wirkt sich auf die Musik aus.”
Tuulikki reist viel, das muss man ihr lassen. Im Oktober 2018 war sie in Japan auf Tour. Davor war sie schon beim Celtic Connections Festival in Glasgow und hatte ihr Land beim Euroradio Folk Festival in Moskau repräsentiert. 2017 begleitete sie Estlands Präsidentin Kersti Kaljulaid auf ihrem Staatsbesuch nach Finnland anlässlich des hundertjährigen Unabhängkeitstags.
Auch Kollaborationen liegen Tuulikki im Blut. So hat sie zum Beispiel mit der englischen Holzschuhtänzerin und Akkordeonistin Hannah James gearbeitet (ihr gemeinsames Album Chatterbox erschien 2015). Für Celtic Connections stellte sie eine Gruppe aus Akkordeonistinnen zusammen und nannte sie Accordionesse. In Japan arbeitete sie mit Hiroko Ara und Kato Kanako. Außerdem ist Tuulikki ein unverzichtbares Mitglied des Estonian Folk Orchestras. “Keine Kollaboration geht spurlos an mir vorbei. Alle hinterlassen ihre Spuren auf meinem Körper und in meinem Kopf,” sinniert sie. “Und dann produziere ich auch etwas Neues. Die richtigen Kollaborationen haben immer auch einen Einfluss auf das, was ich solo mache.”
Tempest In A Teapot ist aber ein Soloalbum, eines, das Tuulikkis Suche nach einer individuellen Ausdrucksform auf den Punkt bringt – eine Suche, die sich im Artwork des Albums wiederfindet. “Die Fische haben eine Botschaft,” lacht sie. “Fische können überall hinschwimmen. Niemand kann den Fischen sagen, wohin sie schwimmen sollen und wohin nicht. Manchmal fühle ich mich wie ein Fisch, der dahin schwimmt, wohin es ihn zieht.”
Dann wird Tuulikki ernst und sagt: “Es gibt viele verschiedene Fische auf der Welt. Das ist die Botschaft.” Mit Tempest In A Teapot feiert Tuulikki Bartosik ihre eigene Identität, ihren Platz in der Welt und wie sie ihn sieht. Sie kommuniziert durch ihre Musik.

Discografie

  • Torm veeklaasis / Tempest In A Teapot

    Torm veeklaasis / Tempest In A Teapot

    Erscheinungsjahr: 2019

    Katalognummer: NN132

  • Storied Sounds

    Storied Sounds

    Erscheinungsjahr: 2017

    Katalognummer: NN091

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